Entprofessionalisierung der PR (2): Der Kindertisch

Ich erinnere mich noch gut an so manches (Groß-)Familienfest in meiner Kindheit. Zu Geburtstagen – insbesondere den runden – der Großeltern waren da schon mal 30 bis 40 Personen in der guten Stube. Und die Gäste waren fein separiert. Da die Großen, dort die Kleinen – am Kindertisch. Mich hat das immer gestört. Ich wollte mitten drinnen sein anstatt nur dabei, aber es blieb nach langen Diskussionen immer nur – der Kindertisch.
Als ich Mitte des vergangenen Jahres zur Festivität anläßlich eines runden Jubiläums eines  österreichischen Werbeunternehmens geladen war, war die Kindertisch-Situation plötzlich so präsent, als wäre sie erst gestern passiert.

Die Gäste des Jubiläums-Events bekamen beim Entree ein kleines Zettelchen mit einer Nummer drauf – der Tischnummer. Auf meinem Zettel stand 49. Und es gab 49 Tische. Positioniert waren diese – von der Bühne aus betrachtet – in aufsteigender Reihenfolge.
Und so wurden sämtliche (Fach-)Journalisten an den im hintersten Eck des Veranstaltungsareals befindlichen Kinder- äähm – Journalistentisch verbannt. Daselbst versorgten uns die Kindergartentanten – äähm – weiblichen PR-Consultants der betreuenden Agentur mit Wissen, das wir schon seit Jahren mit uns herum trugen, und mit Nebensächlichkeiten zum Programm des Abends.
Akustik und Einsicht auf die Bühne waren schlecht, der Weg zum Buffet war zu weit und die Damen und Herren KellnerInnen betreuten uns in einer zeitlichen Abfolge von 30 bis 45 Minuten. Es war also weiter nicht verwunderlich, daß nahezu alle (Fach-)Journalisten bzw. Vertreter der (Fach-)Presse die Veranstaltung bereits während oder kurz nach dem offiziellen Teil des Abends verließen. Wie Tags darauf zu erfahren war, dauerte die Veranstaltung bis weit nach Mitternacht. Irgendwer hatte bei der Feier seinen Spaß gehabt, die Pressevertreter waren es jedenfalls nicht.

Bitte nicht falsch verstehen: Es geht hier nicht um die Befriedigung der persönlichen Eitelkeiten von (Fach-)Journalisten. Es geht um den angemessenen Umgang mit jenen Zeitgenossen, die Öffentlichkeit schaffen und zur Meinungsbildung beitragen.

Die Kindertisch-Geschichte ist mitunter symptomatisch für den Umgang mit (Fach-)Journalisten auf Messeveranstaltungen, Events oder Pressekonferenzen. Hier einmal mehr einige Beispiele:

  1. Hartnäckigkeit zahlt sich im Leben immer aus. So manches Unternehmen und so manche betreuende Agentur übertriebt es damit aber vor allem im Bereich Einladungsmanagement für Events oder Pressekonferenzen. Es ist nichts gegen einen Erinnerungsanruf zu sagen, wenn sich der Ansprechpartner noch nicht von sich aus angemeldet hat. Aber auch dann noch einige Male nachzurufen, wenn die Anmeldung bereits übermittelt wurde, zeigt von nicht intaktem Einladungsmanagement in Unternehmen oder Agentur. Da entsteht der Eindruck: Da weiß die rechte Hand nicht, was die linke Hand tut.
    Ganz schlimm: Das Unternehmen und die betreuende PR-Agentur betreiben unabhängig von einander Einladungsmanagement für ein und die selbe Veranstaltung.
  2. Schlechtes oder fehlendes Betreuungsmanagement für die geladenen (Fach-)Journalisten auf Messeveranstaltungen oder Events.
  3. Anläßlich einer Einladung zu einem Messestand bekommen sämtliche (Fach-)Journalisten die Einheits-Presse-Aussendung. Wer macht sich in Unternehmen und Agenturen schon die Mühe, Informationen an die (Fach-)Medien selektiv zu steuern?
    Die Einheits-Presse-Aussendung haben die (Fach-)Journalisten bzw. die Redaktionen schon im Vorfeld als Messevorberichterstattung zugesandt bekommen und eventuell in der einen oder anderen Form auch schon veröffentlicht.
    Anläßlich des Messebesuches erklären die Presseverantwortlichen eines Unternehmens oder die betreuende PR-Agentur die Einheits-Presse-Aussendung den anwesenden (Fach-)Journalisten in anderen – meist mit Superlativen geschmückten – Worten ohne Mehrwert an Informationsgehalt nochmals.
  4. Die Organisation von Events, Planung von Messeauftritten mit Presseveranstaltung oder einer Pressekonferenz mit dem jeweils zugehörigen Einladungsmanagement wird nicht von Kommunikations-ManagerInnen erledigt, sondern von SachbearbeiterInnen oder VertriebsmitarbeiterInnen.
  5. Essen, Trinken und Party sind heute keine primären Kriterien mehr, mit denen (Fach-)Journalisten zu bedeutungslosen Pressekonferenzen, Präsentationen oder Events „gebracht“ werden können.

Da muß mehr geboten werden. Und dieses „Mehr“ sind exklusive Informationen, die neben den Einheits-Presse-Informationen selektiv gesteuert einzelnen Pressevertretern zugänglich gemacht werden.
Wie dieses selektiv gesteuerte Verteilen von exklusiven Informationen aussehen kann, darüber schreibe ich in einem der nächsten Teile meiner Serie „Entprofessionalisierung der PR“.
Mein angekündigter Artikel zu „Die Presseaussendung – Aufbau, Formulierung und Versand“ muß noch warten. Im dritten Teil wird’s um den Einsatz von Social Media gehen.

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