Bin ich einer? Bin ich viele? Wer bin ich wo?

Peter Hinzmann schreibt in seinem Gastbeitrag auf dem Blog von Der Falsche Hase unter dem Titel „Die große kybernetische Erschöpfung“ über die Lautstärke der Internetkultur und die Analogie zu einer Migräne in der physischen Realität. Der nachfolgende Blogbeitrag ist meine durchaus ähnliche Sicht der Dinge mit einigen für mich wichtigen Ergänzungen und Schlußfolgerungen.

Die große Anzahl an sogenannten Social Media Anwendungen hat uns allen ein gewisses Grundrauschen sowohl in der Alltagskommunikation als auch im beruflichen Bereich beschert. Dämpfen kann man den Lautstärkepegel dieses Grundrauschens dadurch, daß man – wie Peter Hinzmann in seinem Text erwähnt – sich auf die für den eigenen Zweck, die eigene Stratregie und die eigene Persönlichkeit – Stichwort „Personal Branding“ und „Web Reputation“ – entsprechenden Tools konzentriert. Ziel sollte m.E. auch hier die Reduktion der Komplexität sein.
Vereinfacht gesagt: Man muß ja nicht überall dabei sein. Betrachtet man etwa die Services, die vom Social Media Sharing-Plugin SexyBookmarks zur Verfügung gestellt werden, kann man sich rasch überfordert fühlen. Trotzdem brennt irgendwo ganz hinten in unserer Denkzentrale die Frage: „Versäume ich denn nicht irgendwas, wenn ich da und dort nicht dabei bin?“.

Peter Hinzmann hat völlig recht, wenn er meint: „Lärm macht krank“. Relevant ist in diesem Zusammenhang die Antwort auf die Frage „Wie grenzen wir Lärm von relevanten Informationen ab?“. Vice versa. Relevant auch die Antwort auf die Frage: „Wie können wir den Lärm so zielführend reduzieren, daß nur mehr Relevantes, Wichtiges übrigbleibt?“. Und da gibt Peter Hinzmann einen lösungsorientierten Denkanstoß: „Überall vertreten zu sein bedeutet: nirgends richtig […] mitmachen zu können.“ Meine Oma hätte es vereinfacht so formuliert: „Mann kann nicht mit einem Arsch auf zwei Kirtagen tanzen.“

Mein Lösungsansatz: Social Media Anwendungen sind lediglich Werkzeuge, die es den definierten Zielen enstprechend einzusetzen gilt – analog der Reparatur einer Kückenarmatur oder eines Fahrrades – selten sind Küchenarmatur und Fahrräder mit den selben Werkzeugen zu repareiren; für Kommunikation im weiteren Sinne bedeutet dies: das entsprechende Social Media Tool für die jeweilige Anforderung bzw. Zielsetzung
Ich denke, nur so läßt sich verhindern, daß Social Media Anwendungen und Netzwerke zur Beliebigkeit verkommen und nur mehr selbstreferentiell agieren. M.E. nach läßt sich so auch der Hinzmann’sche „Social Media Breakdown“ verhindern.
„Wer bin ich auf welchem Kanal? Bin ich einer oder bin ich viele?“ so die Fragen. Und schon bei der Beantwortung dieser Fragen wird’s schon wieder laut – in einem selbst. Am Schluß – und das möchte ich ergänzend zu Peter Hinzmanns Kapitel „Define your weapons by your goals“ – geht es m.E. um die authentische und konsistente Kommunikation der eigenen Person, der eigenen Werte und der eigenen Ziele aus der realen Welt hinein in die virtuelle Welt. Authentische, kongruente und konsistente Kommunikation.

Jetzt könnte der/die eine oder andere einwenden: „Bist Du, lieber Bernd, authentisch? Trifft man Dich immer mit Strohhut an?“. „Nicht immer mit Strohhut, aber man trifft mich meistens mit einer Kopfbedeckung an, was einfach daraus resultiert, daß ich Kappen, Mützen, Hüte sammle“, wird meine Antwort sein. Aber man trifft ja Alex Nowak – aka „Der Falsche Hase“ – vermutlich auch nicht immer in einem Kapuzen-Sweater an. Die Antwort auf die Frage nach der Authentizität muß jemand anderer geben, da ja Eigen- und Fremdwahrnehmung häufig different sind. Aber – und jetzt kommts – dazu muß man eine Person persönlich kennen. Das verhält sich analog in etwa so, wie das erste persönliche Treffen zweier Menschen nach dem Kennenlernen auf einer virtuellen Partnerbörse. Stimmen die Bilder aus Realität und virtuellem Raum nicht überein – fehlt also die Authentizität, die Konsistenz – folgt Enttäuschung. Also macht für jede/n einzelne/n von uns gar nichts anderes Sinn, als authentisch, ehrlich, man selber zu sein.

Überlegungen, wie Peter Hinzmann sie in seinem Gastkommentar auf dem Blog von Der Falsche Hase anstellt, haben mich beispielsweise dazu veranlaßt, mich weitgehend aus der – vermeintlichen – Spaß-Posting-Gesellschaft aus Facebook zurückzunehmen. Das bedeutete das Ent-Frienden von „Freunden“ und/oder das Verlassen von Gruppen und Seiten bei Facebook aber auch etwa bei Xing oder LinkedIn. Derart Überlegungen haben mich mit wenigen Ausnahmen – Personenbezogen und Toolbezogen – dazu veranlaßt, Push-Informationen aus den einzelnen Social Media Tools abzudrehen. Derart Überlegungen haben mich auch dazu veranlaßt, Einladungen von Personen aus unterschiedlichen Netzwerken nicht anzunehmen – aus der Überzeugung heraus, daß sie nicht authentisch sind, sie einfach nicht zu mir und meinen Interessen und Betätigungsfeldern passen oder, weil sie mir „nur“ was verkaufen wollen – Gold, Silber, Aktien, ein längeres Leben, unermeßlichen Reichtum von heute auf morgen, ohne dafür etwas tun zu müssen. Ziel: Reduktion der Komplexität, Reduzierung des Lärmpegel bzw. der Lautstärke des Grundrauschens.

Danke, Peter Hinzmann für Deine Denkanstöße.

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2 Kommentare auf “Bin ich einer? Bin ich viele? Wer bin ich wo?”

  1. Peter sagt:

    hallo bernd!

    vielen dank für diesen artikel, denn deine ergänzungen sind super!

    dankeschön überhaupt dafür, dass du in dieser art auf mich „eingehst“.

    du betreibst genau das, wovon zwar alle behaupten, dass es wichtig sei, jedoch nur wenige pflegen: den intellektuellen austausch nicht zwischen avataren, sondern zwischen menschen.

    versäumen = ein schlückchen wasser ist bei dursch ganz nett, aber ich persönlich habe auch schon mal versucht, den ganzen fluss zu trinken. issn bisschen viel…

    bernd, danke nochmal für deine mühe und die verlinkungen, einen angenehmen tag – und einen fetten gruß!

    peter

  2. bka sagt:

    Hallo Peter,
    ich danke Dir sehr herzlich für Dein Feedback betreffend meines Blogbeitrages, der auf Deinen wertvollen und interessanten Aspekten aus Deinem Gastbeitrag auf dem Blog von DerFalscheHase gründet.
    Ich denke, ein wesentlicher Aspekt – und da sind wir einer Meinung und damit auch auf dem richtigen Weg – ist eine der Conclusios Deiner und meiner Ausführung; Es sind Menschen, die hier kommunizieren und nicht Avatatre oder mechanisierte Twitter- oder Facebook Accounts.
    Danke für unseren spannenden Diskurs, schönen Abend wünscht Dir Bernd.

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