Ich war (auch) nicht auf den Medientagen

Die vom Manstein Verlag und der News Gruppe veranstalteten Medientage mit dem Anhängsel Medienmesse im Wiener Messezentrum sind vorbei; die Diskussionschlachten sind geschlagen. Und ich muß gestehen: Ich war nicht dort. Aber selbstverständlich habe ich das Geschehen – vor allem die Aussagen der Manager der Medienkonzerne zu den Themen Paid Content oder Wirtschaftskrise – auf vielen Internet-Kanälen interessiert verfolgt.

Warum ich nicht dort war (….aber trotzdem darüber schreibe)?

  • Erstens sind in den Diskussionspanels immer die gleichen „Verdächtigen“ als Diskussionspartner vertreten. Wenn man die Programme der Diskussionen der Medientage der sagen wir letzten drei oder vier Jahre vergleicht, findet man immer die selben Namen: Horst Pirker, Eva Dichand, Gerhard Zeiler, Eugen Russ, Hans Mahr oder Michael Grabner. Selbstverständlich verdiente Medienmanager, die aber – entsprechend den Markttrends und dem wirtschaftlichen Umfeld – wie jeder Greissler stets die eigene Ware loben. Legitim, aber, die wahren Probleme der Medienlandschaft werden dadurch nicht gelöst.
  • Zweitens sind es nicht nur immer die selben Namen, es sind auch immer die gleichen Themen, die meist mit folgender Formulierung beginnen: „Die Zukunft des …“ [wahlweise hier einzusetzen: Print, Internet, Radio] oder „Trends in der Medienlandschaft [gerne auch zu ersetzen durch: Print, Internet, Radio].
  • Drittens bin ich gegen die Verleugnung der Medienrealität durch Medienmacher, Werbe- und Kreativagenturen und besonders der Medienagenturen. Am schwersten zu kämpfen mit der Medienrealität haben die Medienmacher der „klassischen“ Medien der Disziplinen Print, Radio oder TV. [Wobei alleine schon der Begriff „Klassisch“ im Zusammenhang mit Medien ein Anachronismus ist. Denn auch das Internet ist bereits ein „klassisches“ Medium.] Leider aber ignorieren so manche Werbe- und Kreativagenturen und vor allem so manche Mediaagenturen die „neue“ – ist gleich gewachsene bzw. veränderte – Medienrealität. Gebucht wird nach dem Motto: Jeweils 30 Prozent Print, Radio und TV. Das, was an Budget übrigbleibt geht in Außenwerbemedien, Ambient Media, Online, Promotion, Point of Sale Maßnahmen und Messe/Event. Eine bedenkliche Entwicklung angesichts der zahlreichen Mediennutzungsstudien, die eine Entwicklung beschreiben, die entgegen dem Buchungsverhalten verläuft. Pure Realitätsverweigerung also, die daraus resultiert, daß sie mit dem Medium Internet bzw. der Web 2.0. Realität nicht umgehen können.
  • Viertens: „Ob on- oder offline: Die Zukunft der Medien ist jedenfalls nicht in Messehallen zu finden“ schreibt der Verleger und Journalist Walter Gröbchen in seinem Blogbeitrag „Immer mehr Meerschweinchen“ bzw. in der Kolumne „Maschinenraum“ der Tageszeitung „Die Presse“vom 11. Oktober 2009 . Walter Gröbchen hat es übrigens wie ich satt, „den ewig gleichen Protagonisten der engen heimischen Medien-, Werbe-, Marketing- und Mobilfunkszene beim Karussellfahren am Jahrmarkt der Eitelkeiten zuzusehen.“ Wo aber ist die Zukunft der Medien zu finden? Ich sage: Draußen bei den Menschen wie z.B. auf der Mariahilfer Straße, am Stephansplatz oder Wiener Innenstadtbars, im Web wie z.B. auf Facebook, Twitter, in Foren und Communitys, sowie am Stammtisch. Das Netz ist ohnehin der virtuelle Stammtisch. Und da muß man als Medienmacher nur eines tun: Zuhören können. Und dann seine Schlüsse ziehen, nachdenken, Konzepte schreiben und umsetzen.Übrigens war Walter Gröbchen nicht auf den Medientagen, ebenso wie Freddie Kräftner, wie er in „Freddie Kräftners Medienbörse“ in der „Wiener Zeitung“ schreibt, denn: „Das Programm liest sich wie eine Blaupause der Medientage der vergangenen Jahre.“
  • Fünftens, und dies ist der Kern der Sache: Die meisten der unter „Erstens“ erwähnten Medienmanager haben vielfach die Überfuhr verpaßt. Soll heißen: Sie haben zulange mit unvergleichlicher Intensität am Althergebrachten, an den bestehenden Businessmodellen, am gewohnten Geschäft – in enger Verwobenheit mit den Werbe- und Mediaagenturen – festgehalten und die Realität da draußen teilweise völlig ignoriert.

Und so darf man sich nicht wundern, daß wir von einer Medienkrise – vor allem einer Printmedienkrise – sprechen (müssen). Und eigentlich ist ja gerade für die Medien – allen voran der Printmedienmarkt – keine Krise, sondern ein Paradigmenwechsel, der durch die wirtschaftlich problematische Situation nur beschleunigt wurde. In Wahrheit hat die Krise für die Medien schon vor einigen Jahren begonnen, hat aber aufgrund des hohen wirtschaftlichen Niveaus und der kleinen – aber doch noch vorhandenen – Wachstumsraten am Markt noch nicht durchgeschlagen. Aber irgendwann rächt sich das Verleugnen der Realität.

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