Verlage suchen neue Erlösquellen

Es ist nicht nur die sogenannte Wirtschaftskrise, die Verleger von Tageszeitungen, Publikumsmagazinen und Fachzeitschriften zum Handeln bewegen sollte bzw. bewegt. Es scheint, als würde sich in der Printmedienbranche unabhängig von der Wirtschaftskrise ein tiefgreifender Wandel vollziehen.

Fakt ist, daß sowohl die Auflagen als auch die (Print-)Anzeigenerlöse seit geraumer Zeit – also schon, bevor die Wirtschaftskrise hierzulande eingeläutet wurde – sinken. Beim Fehlen nachhaltiger und langfristiger Konzepte, um diese Entwicklung zu stoppen, kann dies eine letale Abwärtsspirale sein.Zahlreiche Faktoren haben meiner Meinung nach diese Entwicklung begünstigt:

  1. die Durchdringung der Gesellschaft mit Internet im Allgemeinen und den Social Media Anwendungen im Speziellen, ermöglicht auch durch Breitband-Anbindung mit hohen Up-/Download-Geschwindigkeiten.
  2. Echtzeit-Nachrichten im Internet: Eben passiert, schon im Netz. Wo es früher für das Medium Radio galt, das schnellste Nachrichtenmedium zu sein, gilt dies heute für das Internet. In der Zeitung steht die Nachricht dann am nächsten Tag. Was uns zu einer berühmten Stammtischfrage führt: „Warum heute eine Tageszeitung kaufen, wenn man die Nachrichten bereits gestern im Web lesen konnte?“ Ergänzung: Noch dazu, wenn genügend Hintergrundinformationen in Form von Pod- und Videocasts, Wiki-Einträgen, Charts und anderen Informationen via Link-Struktur zur Verfügung gestellt werden. Wenn es die Zeitungsherausgeber nicht schaffen, in der Printausgabe einen Mehwert (für Leser und Anzeigenkunden) zu generieren, erscheint das Medium Tageszeitung (sowie auch das Medium Zeitschrift) so gedacht als Paradoxon in einer nahezu vollends digitalisierten (westlichen) Gesellschaft.
  3. RSS Feeds: Es ist nicht mehr notwendig, als User regelmäßig auf eine Website zu gehen, um die neuesten Nachrichten zu konsumieren. Ein einfaches Symbol in der Browser-Leiste zeigt an, wenn eine neue Nachricht eines abonnierten Feeds erschienen ist.

Viele Zeitungsherausgeber und Zeitschriftenverlage haben diese in den letzten Jahren bereits schleichend vorhandene Entwicklung entweder ignoriert oder schlichtweg nicht realisiert. Jetzt – fünf vor zwölf sozusagen – ist Feuer am Dach. Irgendwie erinnert mich diese Situation an die Entwicklung in der Musikindustrie. Auch da wurde lange Zeit das Nutzerverhalten via Internet belächelt, die Spirale nach unten wurde ignoriert. Aller spätestens mit dem Markteintritt von Apple mit iPod und iTunes wurde auch den verantwortlichen Musikmanagern klar, daß das klassische Modell nicht weiter funktionieren wird.

Im Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt sind die verantwortlichen Manager – eventuell aufgrund der Lehren, die sie aus dem Musikindustriedesaster gezogen haben – schon seit geraumer Zeit auf der Suche nach zusätzlichen Erlösquellen.

Was ein Zeitungs- oder Zeitschriftenverlag aber nicht werden darf, ist eine Gemischtwarenhandlung. Die Kompetenz von Verlagen sollte in der Sammlung, Recherche, Aufbereitung und Verteilung von Informationen in höchstmöglicher journalistischer Qualität liegen, finanziert durch Erlöse, die mit Leistungen rund um das Produkt Zeitung oder Zeitschrift bezugnehmend auf die entsprechende Leserzielgruppe erwirtschaftet werden. Nicht aber durch Geschäftsaktivitäten, die mit der Herausgabe von Printmedien nichts zu tun haben. Damit meine ich folgendes: Es würde meiner Meinung nach nichts dagegen sprechen, als Wein-Magazin einen Online-Weinhandel aufzubauen oder geführte Reisen zu prominenten Weingütern in aller Welt zu offerieren. Zum Gemischtwarenladen würde das Wein-Magazin dann mutieren, wenn es dann auch noch Badezimmermöbel verkaufen würde.

Zum Gemischtwarenladen könnte aber ein großer österreichischer Magazin-Verlag mutieren. Angesichts folgender Tatsache, die der Vorstandsvorsitzende Oliver Voigt in einem Interview mit dem Ressort „Etat“ der Tageszeitung der Standard erläutert:

Selbstverständlich hat auch unsere Gruppe auch Mindererlöse. […] Aber natürlich haben wir auch die Wirtschaftspresse mit Rückgängen von 21, 25 Prozent. Das bedeutet in der Jahresvorschau für 2009 ein leicht zweistelliges Minus. Diese Summe können wir fast zur Gänze aus dem schon Gesparten abdecken, aber auch aus dem Webgeschäft ausgleichen, das schon 2008 nicht klein war und 2009 noch mehr zum Ergebnis beiträgt. Und wir haben unsere Neugeschäfte erstmals auf einem siebenstelligen Level. […]

Reisen, T-Shirts, Webshops, wir werden jetzt ins Ticketgeschäft einsteigen. All das, was nicht Kern- oder Stammgeschäft ist. Die „Schraubenfabrik“. Klein, aber ordentliche Geschäfte. Geld, das wir früher vielleicht liegen gelassen haben. Das gehen wir nun massiv an. 2006 und 2007 war das ein eher schmales Geschäft, vielleicht eine halbe Million. Letztes Jahr waren wir knapp an der Millionengrenze. […] Wenn wir gut sind, könnte ein Drittel [des Gesamtumsatzes der Gruppe; Anm. des Herausgebers] drin sein. Minimum 15 Prozent, 20 wären gut, 30 wären Weltklasse. Warum soll ich nicht einem Abonnenten eine „Woman“-Reiseversicherung verkaufen? Ich glaube, so muss man die Welt angehen. Wir werden das Anzeigengeschäft, wie wir es einmal 1999/2000 oder in den vergangenen Jahren hatten, in Zukunft nicht mehr erreichen. Wer glaubt, dass er sich nicht nach diesen Geschäften strecken muss, wird morgen in einem nicht geheizten Zimmer aufwachen.

Spannender bzw. zielführender als der Weg zum Gemischtwarenladen scheinen mir die im Interview erwähnten geplanten Aktivitäten im Bereich Internet und TV. Damit kann sich ein Printmedienunternehmen als umfassendes Medienunternehmen etablieren, das mehrere Kanäle bedient. Und natürlich weiß Voigt, daß nach der Krise nichts mehr so sein wird, wie es vorher einmal war. Es ist nicht alleine die Krise, die Tageszeitungen und Zeitschriften nach neuen Erlösquellen suchen läßt, es ist ein Paradigmenwechsel.

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